Mittwoch, 4. September 2013

Psychotherapie struktureller Störungen

Grenzen aufdeckender Therapie bei strukturellen Störungen und Alternativstrategien



Ein Kernanliegen aller psychodynamischen Therapieverfahren ist das „Bewusstmachen“ jener unbewussten Antriebe, Bedürfnisse, Motivationen, Affekte, Hemmungen, Kompensations- und Abwehrmechanismen von Patienten, die in ursächlicher Beziehung zu ihren aktuellen Krankheitssymptomen stehen. Durch dieses Bewusstmachen sollen die Patienten zunehmend eine bewusste und willentliche Steuerung über ihre unbewussten Prozesse gewinnen.

Neben der biografischen Anamnese und Schilderung von aktuellen konfliktreichen Beziehungsepisoden im Leben der Patienten spielt in den psychodynamischen Verfahren die Übertragungsbeziehung zwischen PatientIn und TherapeutIn eine zentrale diagnostische und therapeutische Rolle. Das Angebot einer TherapeutIn, über viele Stunden für einen Patienten da zu sein und ihm zuzuhören, ist eine indirekte, implizite Einladung an die gehemmten und abgewehrten Antriebe und Wünsche des Patienten, sich innerhalb der Therapiebeziehung aus ihrer Deckung hervorzuwagen.

Insgeheim wünscht sich ja jeder Mensch, dass seine innersten Beziehungsanliegen von anderen Menschen wohlwollend gesehen und positiv gespiegelt werden. Zugleich besteht aber die Angst, dass man mit diesen Anliegen zurückgewiesen und wegen dieser Anliegen nicht geliebt wird. Beim Neurotiker sind dringende Beziehungswünsche oft so stark gehemmt oder abgewehrt, dass sie nicht bewusst sein dürfen. Trotzdem drängen sie – und zwar umso stärker, je mehr sie abgewehrt sind – danach, sich in einer geeigneten Beziehung, zum Beispiel in einer Liebesbeziehung oder eben in der Therapiebeziehung, zu zeigen.

Die Kunst der psychodynamischen Psychotherapie besteht darin, geeignete Hypothesen (Deutungen) über das unbewusste innerseelische Geschehen, dass in dem äußeren Verhalten und Äußerungen des Patienten erahnbar wird, einfühlsam und für den Patienten verständlich zu formulieren. Idealerweise setzt sich der Patient mit den Deutungen auseinander, gewinnt neue Einsichten und beginnt, seine Wahrnehmung, sein Denken und sein Verhalten nach und nach zu ändern.

Oft aber verstehen die Patienten die Deutungen ihrer TherapeutInnen nicht oder verschließen sich gegen sie. Es kann auch sein, dass der Patient sich intensiv mit den Deutungen auseinandersetzt, sich aber weder sein Verhalten noch seine Symptomatik positiv verändert. Mitunter verschlechtert sich sogar das Befinden des Patienten durch die aufdeckende Psychotherapie. Für solche Phänomene wird gerne ein unbewusster Widerstand des Patienten verantwortlich gemacht.

Nach meiner Erfahrung als Supervisor handelt es sich bei dem scheinbaren Widerstand eines Patienten aber oft um ein strukturelles Defizit. Das Ich-Funktionen-Niveau beziehungsweise Strukturniveau vieler Patienten ist einfach überfordert, wenn ihre Therapeuten beispielsweise ihre Gegenübertragung offenlegen und psychodynamische Hypothesen über die unbewussten Intentionen der Patienten oder über den Zusammenhang ihrer aktuellen Probleme mit den Bedingungen ihrer Kindheit formulieren. Viele Patienten sind zu dem Perspektivenwechsel, zu dem sie ihre Therapeuten einladen, strukturell einfach nicht in der Lage.

Als Supervisor bestehe ich daher grundsätzlich darauf, dass bei jedem Patienten das Strukturniveau bestimmt wird. Denn ein hoch bezahlter Beruf, eine brilliante Ausdrucksweise und selbst der Abschluss eines medizinischen oder psychologischen Hochschulstudiums schließen keineswegs aus, dass ein Mensch an schwerwiegenden strukturellen Defiziten leidet, beispielsweise in der Impuls-, und Affektsteuerung oder in der Regulierung des Selbstwertgefühls. Ein Mensch kann überaus kultiviert und erfolgreich und dennoch dem Alkohol verfallen, ständig von Selbstzweifeln gequält und vom Suizid bedroht sein. Menschen mit erheblichen strukturellen Defiziten haben in der Regel schon früh in ihrem Leben, lange bevor sie sprechen konnten, Erfahrungen von unsicherer Bindung oder sogar Traumatisierung gemacht. Solche Erfahrungen sind verbal kaum erreichbar. Die übliche Strategie psychodynamisch fundierter Psychotherapeuten, Worte für unbewusste Erfahrungen und Konflikte des Patienten zu finden, funktioniert hier nicht.

Wenn strukturelle Defizite im Vordergrund stehen, bedarf es einer besonderen Behandlungsstrategie, bei der die Haltung und das nonverbale Verhalten des Therapeuten für die therapeutische Wirkung wichtiger sind als die intellektuellen Inhalte des Gesprächs.[1] Eine Hauptaufgabe des Therapeuten besteht darin, sich als geduldiges, wohlwollendes, belastbares und ausdauerndes Gegenüber zur Verfügung zu stellen. Wesentlich ist, dass es gelingt, die Therapiebeziehung über einen längeren Zeitraum (bis zu mehreren Jahren) zu erhalten und zu festigen. Diese Beziehung kann nicht nur durch instabile Bindungsmuster, primitive Abwehrvorgänge, abrupte Selbstschutzmanöver und Rückzugstendenzen des Patienten ständig gefährdet sein, sondern auch durch die negative Gegenübertragung des Therapeuten. Die größte Herausforderung für den Therapeuten ist, das problematische Verhalten des Patienten nicht persönlich zu nehmen und es nicht als etwas vorsätzlich Destruktives zu interpretieren, das der Patient absichtsvoll gegen den Therapeuten richtet. Man muss sich als TherapeutIn immer wieder klarmachen, dass der Patient (noch) nicht anders kann, als sich so zu verhalten, wie er es aktuell tut. Bestimmte Ich-Funktionen stehen ihm aufgrund ungünstiger Entwicklungsbedingungen in seiner Kindheit einfach (noch) nicht zur Verfügung.

Als Therapeut versuche ich bei strukturell gestörten Patienten, eine „beelternde“ Haltung einzunehmen und ihnen einen Teil ihrer Verantwortung, zum Beispiel für problematische Impulse oder mangelndes Mitgefühl, zu erlassen. Trotzdem werde ich sie als Urheber ihres Verhaltens ansprechen und ihnen zumuten, für ihr Verhalten zunehmend Verantwortung zu übernehmen und funktionalere Bewältigungsformen für ihre strukturellen Einschränkungen zu erwerben. Auch bei strukturell gestörten Patienten ist ein Perspektivenwechsel, ein veränderter Blick auf sich selbst und die eigenen Schwierigkeiten, notwendig und möglich. Ich arbeite mit dem folgenden einfachen und allgemeinverständlichen Modell, um meinen Patienten deutlich zu machen, worum es in der Therapie geht:

wichtige Faktoren bei strukturellen Störungen
                  
Die Symptome, unter denen ein Patient leidet, zum Beispiel Angst, Depression oder psychosomatische Beschwerden, sind der Hauptgrund dafür, dass er sich überhaupt in psychotherapeutische Behandlung begibt. Der mit den Symptomen verbundene Leidensdruck ist in der Regel der wichtigste Motivationsfaktor für die Behandlung und damit eine Entwicklungschance. Die meisten Patienten wollen die Ursache für ihre Symptome verstehen, und jeder Patient will seine Symptome los werden. Deshalb muss für die Patienten immer erkennbar bleiben, dass die Psychotherapie auf die Verminderung ihrer Beschwerden ausgerichtet ist. Jeder Patient hat Wünsche an sein Leben, an seine Mitmenschen, an seinen Therapeuten. Wenn wichtige Wünsche dauerhaft an ihrer Befriedigung gehindert werden, treten negative Affekte und nicht selten psychische oder/und psychosomatische Krankheitssymptome auf.

Häufig stehen die Anforderungen unseres Lebens, vor allem jene, welche das soziale Umfeld und der Beruf an uns stellen, wichtigen eigenen Wünschen entgegen. Grundsätzlich steht jeder von uns im Konflikt zwischen seinen eigenen Wünschen und den Anforderungen seines sozialen Umfelds. Um diesen Anforderungen und zugleich unseren eigenen Bedürfnissen gerecht zu werden, um eine ausgewogene Balance zwischen beiden herzustellen, sind wir mit Ich-Funktionen beziehungsweise Selbststeuerungs- und Interaktionsfähigkeiten ausgestattet. Die meisten Menschen wissen jedoch gar nicht, dass sie diese Fähigkeiten haben. Eine wesentliche Aufgabe von Psychotherapie besteht darin zu untersuchen, wie gut Patienten jeweils mit diesen Fähigkeiten ausgestattet sind. Anhand des Profils der Selbststeuerungs- und Interaktionsfähigkeiten (siehe unten) erkläre ich meinen Patienten in möglichst einfachen Worten, worin diese Fähigkeiten im Wesentlichen bestehen.

Der Vorteil einer solchen Auflistung von Ich-Fähigkeiten ist, dass sie zur Selbstreflexion und zum Perspektivenwechsel einlädt. Wer sich mit einer solchen Liste von Ich-Funktionen beschäftigt, fragt sich unwillkürlich, welche Fähigkeiten bei sich selbst gut ausgeprägt und welche Fähigkeiten vielleicht unzureichend sind, und entwickelt das wichtige Bewusstsein dafür, dass mit Faktenwissen, Intellekt und Willensanstrengung allein die Anforderungen des Lebens nicht bewältigt werden können. Praktisch gehe ich so vor, dass ich erst einmal alle jene Fähigkeiten hervorhebe, die bei meinen Patienten relativ gut entwickelt sind. Es ist eine gute Übung für uns Therapeuten, inmitten der vielen Probleme und Defizite unserer Patienten möglichst alle ihre Ressourcen zu entdecken. Es dient der Stabilisierung unserer Patienten, wenn wir ihre vorhandenen Fähigkeiten und positiven Ziele sowie die Unterstützung aus ihrem sozialen Umfeld erkennen und dafür sorgen, dass diese Ressourcen auch genutzt werden. Grundsätzlich ist danach zu fragen, welche Schwierigkeiten ein Patient in der Vergangenheit bereits auf welche Weise und mit welcher Unterstützung bewältigt hat.

Ich erkläre meinen Patienten, dass die aufgelisteten Fähigkeiten vor allem am Vorbild der Eltern erworben werden, dass der Erwerb dieser Fähigkeiten nicht bewusst und willentlich, sondern automatisch erfolgt und wesentlich davon abhängt, wie gut die Eltern selbst über diese Fähigkeiten verfügen. Dann gehe ich die Liste der Ich-Funktionen mit meinen Patienten durch und frage sie, wie gut die einzelnen Fähigkeiten bei Mutter und Vater ausgeprägt sind beziehungsweise früher ausgeprägt waren. Die gemeinsame Betrachtung der Selbststeuerungs- und Interaktionsfähigkeiten der Eltern des Patienten stellt eine weitere Metaperspektive dar, die ich zusammen mit meinen Patienten einnehme. Für die meisten Patienten ist diese Perspektive neu. Sie sehen die Unzulänglichkeiten der Eltern nun nicht mehr nur aus dem engen Blickwinkel des ehemaligen Kindes, das sich beispielsweise verletzt, vernachlässigt oder ungerecht behandelt fühlte, sondern zunehmend auch mit den Augen eines distanzierten erwachsenen Betrachters, der erkennt, dass den Eltern eine Reihe wichtiger Ich-Funktionen einfach nicht im wünschenswerten Maße zur Verfügung stand und steht.

Mit diesem Umweg über die Fähigkeiten und Defizite der Eltern taste ich mich an die Thematisierung der strukturellen Defizite meiner Patienten heran. Häufig scheinen bestimmte Ich-Funktionen bei den Patienten besser entwickelt zu sein als bei den Eltern. Ich frage meine Patienten, bei welchem Menschen sie diese speziellen Ich-Funktionen erworben haben, und würdige ihre besondere Lernleistung. Oft werfen die Patienten die Frage nach ihren strukturellen Defiziten selbst auf. Statt aber meinen Patienten zu sagen: „Sie haben meines Erachtens das und das Defizit“, und sie damit möglicherweise zu kränken, versuche ich, gemeinsam mit meinen Patienten herauszufinden, welche besonderen Herausforderungen ihr Leben aktuell an sie stellt und welche Entwicklungsaufgaben gerade anstehen. Ich erarbeite gemeinsam mit ihnen, welche besonderen Fähigkeiten angesichts dieser Anforderungen und Aufgaben besonders gebraucht werden. Ich frage meine Patienten, wie sich die Eltern oder Geschwister des Patienten in ähnlichen Anforderungssituationen verhalten beziehungsweise verhalten haben.

Trotz aller Behutsamkeit bleibt es selbstverständlich mein Ziel, dass meine Patienten rasch Klarheit über ihre Fähigkeiten und Defizite gewinnen. Es ist auch in der Ausbildung von angehenden Psychotherapeuten mein Anliegen, dass diese erkennen, wo ihre strukturellen Stärken und Schwächen liegen. Unser Wissen um unsere eigenen Defizite hat den großen Vorteil, dass wir damit relativ leicht verstehen können, warum wir in bestimmten Anforderungssituationen mehr als andere unter Druck geraten, in solchen Situationen immer wieder scheitern, krank werden oder solche Situationen gewohnheitsmäßig vermeiden (und uns damit möglicherweise wichtiger Erfahrungs- und Entwicklungsmöglichkeiten berauben). Nicht nur in der Ausbildung von Psychotherapeuten und in der Patientenbehandlung, sondern auch im kollegialen Austausch mit anderen Therapeuten geht es mir darum, dass sich jeder in seinem schicksalhaften strukturellen Gewordensein und mit seiner jeweiligen individuellen Ausstattung an Selbststeuerungs- und Interaktionsfähigkeiten erst einmal annimmt, auch mit all dem, was einem fehlt. Gerade in der strukturbezogenen Psychotherapie gilt, dass jeder Mensch ist, wie er ist, und dass er auch so bleiben dürfen soll. Als TherapeutIn kann man die grundlegende Struktur seiner Patienten wahrscheinlich ohnehin nicht sehr verändern. Versucht man es trotzdem, richtet man vielleicht mehr Schaden an, als man nutzt.

Eine tief greifende Veränderung der Struktur ist nicht Aufgabe einer tiefenpsychologisch fundierten Richtlinienpsychotherapie und meines Erachtens in der Regel auch nicht notwendig. Sobald ein Patient seine eigenen strukturellen Schwachstellen kennt und auch die Anforderungssituationen, die aufgrund dieser Defizite besonders kritisch sind, hat er – anders als zuvor – eine Wahlmöglichkeit. Er muss nicht mehr fortlaufend bestimmte schmerzvolle Erfahrungen unbewusst wiederholen. Er hat zunehmend die Möglichkeit, sich zum Beispiel gezielt Unterstützung aus seinem sozialen Umfeld oder institutionelle Hilfe zu holen. Eine zentrale Aufgabe der Therapiebeziehung besteht darin, die Fähigkeit des Patienten zu entwickeln, geeignete Hilfe zu suchen und auch anzunehmen. Die Therapiebeziehung ist dafür ein Modell. In der Regel werde ich als Therapeut ein besseres Ich-Funktionen-Niveau aufweisen als meine Patienten. Ich stelle bestimmte Ich-Funktionen zur Verfügung, die meinen Patienten fehlen.

Beispielsweise kann ich Paargespräche führen, wenn ein zermürbender Partnerschaftskonflikt nicht gelöst werden kann, weil die Affektsteuerung, die Selbst- und Fremdwahrnehmung sowie die emotionale Kommunikationsfähigkeit eines Patienten (und oft auch des Partners) unzureichend sind. Wenn ich als Therapeut als hilfreich erlebt werde, gewinnen meine Patienten zunehmend Vertrauen in mein Hilfsangebot. Mein Ziel aber ist, dass meine Patienten – spätestens nach Beendigung der Therapie – unabhängig von mir andere Hilfsangebote finden und nutzen können. Ich schaue mich daher schon früh im Therapieprozess nach den sozialen Ressourcen meiner Patienten um und ermutige sie, sich auch außerhalb der Therapie alle geeigneten Unterstützungsmöglichkeiten zu erschließen. 

In meinem Buch „Bewusstsein – Unbewustes“[2] (aus dem dieser Text weitgehend entnommen ist) spreche ich von Lernen durch Liebe“ im Sinne einer Verinnerlichung wichtiger Fähigkeiten und Werte am konsistenten positiven Modell der Eltern oder anderer Bezugspersonen in einer Atmosphäre sicherer Bindung. Dieser überaus wirksame soziokulturelle Lernmechanismus spielt wahrscheinlich auch in Therapiebeziehungen eine große Rolle. Bei einer guten Patient-Therapeut-Beziehung ist davon auszugehen, dass sich die Patienten mit Teilaspekten der Persönlichkeit ihrer Therapeuten (vor allem mit Fähigkeiten, die aus der Sicht der Patienten erstrebenswert sind) identifizieren und dass sie diese Teilaspekte sowie für sie neuartige positive (korrektive) Erfahrungen innerhalb der Therapiebeziehung in sich aufnehmen. Therapeuten können je nach Geschlecht auch als Modell für die spezifische Rolle ihrer Patienten als Mann oder als Frau dienen. So kann zum Beispiel eine Patientin bei ihrer Therapeutin genau jenes positive Vorbild für Weiblichkeit, Sexualität, Emanzipation oder Mutterschaft finden, das sie bei der eigenen Mutter vermisst hat. Modelllernen ist umso wahrscheinlicher, je intensiver die emotionale Beziehung zwischen dem Lernenden und seinem Vorbild ist.

Das Modelllernen ist nicht auf explizite Instruktion angewiesen. Veränderungen stellen sich auch durch nonverbale, implizite Prozesse ein. Es geht gerade in der strukturbezogenen Psychotherapie weniger darum, dass Therapeuten viel erklären, sondern vielmehr darum, vorzumachen, wie man mit schwierigen interpersonellen Situationen und Herausforderungen, welche strukturgestörte Patienten in der Therapiebeziehung oft reichlich liefern, anders umgehen kann, als die Patienten es bisher kennen. Nach der klassischen psychoanalytischen Theorie finden Identizierungen mit einem elterlichen Vorbild gerade dann besonders intensiv statt, wenn das Ich (klassisch in der Phase der Auflösung des Ödipus) auf die Befriedigung kleinkindhafter Bedürfnisse zunehmend verzichten muss. Günstige Identifizierungsprozesse sind folglich dann am ehesten zu erwarten, wenn die Patienten in einer wohlwollenden Atmosphäre der Therapiebeziehung einerseits emotional ausreichend andocken können, andererseits aber nicht durch ein allzu komplementär versorgendes Beziehungsangebot ihrer Therapeuten in eine regressiv-passive Erwartungs- und Abhängigkeitshaltung gedrängt werden. Das Ich wächst am Verzicht, vorausgesetzt, die zugemutete Verzichtleistung wird nicht als kränkend oder bedrohlich erlebt.

Psychotherapie soll nachhaltige Lern- und Veränderungsprozesse auf den Weg bringen. Die Patienten sollen jene Fähigkeiten erwerben, die ihnen erlauben, die aktuellen Anforderungen und Entwicklungsaufgaben ihres Lebens so zu bewältigen, dass ihre Bedürfnisse sozialverträglich befriedigt werden und dass das unvermeidliche Maß an Inkonsistenzspannung so weit reduziert wird, dass die Patienten keine Symptome mehr ausbilden müssen. Damit Patienten neue Fähigkeiten erwerben und sich aus ungünstigen Lernerfahrungen ihrer Vergangenheit befreien können, ist es wichtig, dass sich im Rahmen des Therapieprozesses ihre sozialen Kontexte verändern. Eine erste Kontextveränderung ergibt sich durch die Therapiebeziehung. Sie erweitert das soziale Umfeld der Patienten oft wesentlich. Viele Patienten bekommen in der Therapie erstmals in ihrem Leben ein so hohes Maß an wohlwollender Aufmerksamkeit und Gelegenheit, so viel über sich selbst mitteilen zu können. Bei Patienten, die in dyadischen Konstellationen leben, also emotional auf nur einen einzigen anderen Menschen bezogen sind, erfolgt durch die Therapiebeziehung eine Triangulierung: Der Therapeut wird der Dritte im Bunde, wodurch sich die Dynamik der bisherigen dyadischen Beziehung erheblich verändern kann. Neue Kontexte gehen mit Veränderungen der Perspektive einher und induzieren Lernprozesse, die mit therapeutischer Unterstützung in eine förderliche Richtung gelenkt werden können.

In seelischer Not folgen viele Menschen dem Impuls, sich aus sozialen Kontakten zurückzuziehen. Der Vorteil eines solchen Rückzugs besteht darin, dass die Patienten gewohnte Kontexte, die sie zunehmend in dysfunktionalen Automatismen und Routinen gefangen halten, verlassen. Auf Dauer wirkt sich jedoch ein sozialer Rückzug oder der ausschließliche Kontakt mit den engsten Vertrauten (die meist zunehmend hilflos werden) nachteilig aus und verschärft den Leidenszustand. Soziale Kompetenzen gehen verloren. Am besten lassen sich die defizitären Selbststeuerungs- und Interaktionsfähigkeiten durch häufige und intensive soziale Kontakte trainieren, beispielsweise in Gruppen und Gemeinschaften, die eine funktionierende Kultur des wertschätzenden Miteinanders entwickelt haben und die sich mit Sinn und Freude stiftenden Dingen beschäftigen. Wenn die Ich-Funktionen starke Defizite aufweisen, werden intensive soziale Kontakte verständlicherweise oft als anstrengend, beunruhigend, verwirrend, beschämend oder sogar bedrohlich erlebt. Deshalb benötigen Patienten oft den geschützten Rahmen einer Einzel- oder Gruppenpsychotherapie oder von Selbsthilfegruppen. Auch Religionsgemeinschaften stellen Hilfsangebote, im Einzelgespräch oder in der Gruppe, zur Verfügung.

Grundsätzlich verfolge ich mittelfristig und langfristig das therapeutische Ziel, dass meine Patienten ihre sozialen Kontakte intensivieren, ihre sozialen Kompetenzen trainieren und ihre sozialen Befriedigungsmöglichkeiten erweitern. Dazu gehört auch, dass manche Patienten lernen, sich gegen allzu viele oberflächliche oder dysfunktionale Kontakte abzugrenzen, dass sie selektiver in der Auswahl ihrer Freunde werden und sich auf solche Beziehungen fokussieren, welche ihre Entwicklung und die Erfahrung gemeinsamen Sinnerlebens fördern.


Strukturniveau (Ich-Funktionen-Niveau)

Das Strukturniveau ist ein psychodynamisches Maß für die Qualität der Selbststeuerungs- und Interaktionsfähigkeiten (Ich-Funktionen), die jeder Mensch benötigt, um mit dem jeweiligen aktuellen Anpassungsdruck aus seiner spezifischen soziokulturellen Wirklichkeit fertig zu werden. Die Anforderungen des therapeutischen Gesprächs dienen als brauchbare Testbedingung, um einschätzen zu können, inwieweit das soziale Interaktionsverhalten und die Selbststeuerung von Patienten situationsgerecht und funktional sind. Schilderungen von interpersonalen Alltagsepisoden und aus der Vergangenheit geben weitere Hinweise auf die individuell ausgeprägten strukturellen Fähigkeiten. Die Bestimmung des Strukturniveaus ist nur einer von mehreren möglichen strukturdiagnostischen Schritten im Rahmen einer fokalen, zeit- und zielbegrenzten Richtlinientherapie und muss durch andere diagnostische Kategorien, zum Beispiel die Neurosendispositionen[3], ergänzt werden. Zunächst sollen einige grundlegende Begriffe geklärt werden.

Das Ich und die Ich-Funktionen in Abgrenzung vom Selbst


Die Begriffe „Selbst“ und „Ich“ werden oft synonym verwendet. Auch in der neueren psychodynamischen Literatur werden sie nicht immer klar voneinander abgegrenzt. Eine ganze Reihe seelischer Krankheitsbilder und die ihnen psychogenetisch zugrunde liegenden biografischen Erfahrungen und Persönlichkeitsbesonderheiten (Neurosendispositionen) von Patienten lassen sich jedoch besser verstehen, wenn wir die Begriffe „Selbst“ und „Ich“ präzise definieren und trennscharf verwenden. Ein solches Verständnis hat zudem konkrete behandlungstechnische Konsequenzen.

Wenn wir als psychodynamisch fundierte TherapeutInnen von „dem Selbst“ eines Menschen sprechen, dann haben wir damit die innere Repräsentanz, das Modell oder das Bild, das dieser Mensch von sich selbst hat (analog dem inneren Bild, das ein Mensch von einem anderen vertrauten Menschen hat). Das Selbstbild ist allerdings kein rein kognitives Konzept, das jemand von sich selbst hat, sondern immer auch etwas Körperliches und unmittelbar Gefühltes. Nach psychodynamischem Verständnis ist das Selbst mit Antrieben und Impulsen sowie lustvollen oder unlustvollen Affekten verbunden. Das „gesunde“ Selbst ist – wie es psychoanalytisch heißt – ausreichend libininös besetzt. Das heißt, gesundes Selbsterleben geht mit überwiegend positiven Empfindungen sowie mit einem angemessenen Gefühl für den eigenen Wert und die eigene Wirksamkeit einher. Subjektiv zeichnet sich ein gesundes Selbst durch das vertraute subjektive Erleben eines Menschen aus, eine Ganzheit, ein autonomes, beständiges und kohärentes Zentrum von Vitalität, der Mittelpunkt des unmittelbaren Empfangens von Eindrücken sowie der Initiator und Verursacher von Veränderungen in der Umwelt zu sein.

Das Ich hingegen ist historisch gesehen jene innerpsychische Instanz, die einst Sigmund Freud in seinem berühmten Strukturmodell als Vermittler im Konflikt zwischen dem von ihm postulierten „Es“ (den biologischen Triebkräften, die im Menschen wirken) und dem „Über-Ich“ (verinnerlichten soziokulturellen Geboten und Verboten) angenommen hat.[4] Es ist das Verdienst von Heinz Hartmann, das Ich nicht nur als Austragungsort von neurotischen Konflikten angesehen zu haben. Vielmehr leistet das Ich im Verständnis Hartmanns generell die für die seelische Gesundheit unverzichtbare Anpassung an jene Umweltbedingungen, in die ein Kind schicksalhaft hineingeboren wird. Das Ich ist also als die Summe der seelischen Funktionen zu verstehen, die eine möglichst gute Adaptation des Individuums, vor allem an seine soziale Umgebung, gewährleisten. Nach Gerd Rudolf ist das Ich eine teils angeborene, teils erworbene Struktur mit der Fähigkeit, intentional mit der sozialen Umwelt zu interagieren und zu kommunizieren, die Realität wahrzunehmen und sie in einem seelischen Binnenraum abzubilden.[5] Der Kampf zwischen den Triebansprüchen und der Außenwelt findet in diesem innerseelischen Raum statt. Konflikte und geeignete Konfliktlösungen können dort antizipiert und günstige Formen der Befriedigung der eigenen Bedürfnisse und Triebregungen gefunden werden. Gefahren werden innen bewältigt, bevor sie äußere werden.[6]

Dazu ist erforderlich, dass das Ich konfliktträchtige Trieb- und Bedürfnisregungen aufschieben oder auf ungefährlichere und sozial anerkannte Bereiche verlagern kann. Kann das konflikthafte Verlangen wegen seiner Dringlichkeit nicht aufgeschoben oder verschoben werden, dann entsteht Angst, zum Beispiel vor der Wiederholung eines alten Traumas, einer Strafe, einer Kränkung, eines Mangels oder eines Verlustes. Nehmen die Angst und Erregung, die mit einem Bedürfnis oder Triebanspruch verbunden sind, ein Maß an, welche die Kohärenz des Selbst und die Funktionsfähigkeit des Ichs gefährden würde, verdrängt das Ich diese Bedürfnis- oder Triebregung einschließlich der mit ihr verbundenen Angst ins Unbewusste. Das ist ein Kerngedanke der psychoanalytischen Theorie. Das Ich fungiert also auch als Reizschutz und Stabilisator für das Selbst. Es errichtet Schwellen gegen die Überflutung von Triebimpulsen und Angst von innen sowie gegen verführerische, irritierende oder bedrohliche Reize von außen. Für diese Schutzfunktion bedient es sich der von Anna Freud beschriebenen Abwehrmechanismen.[7]

Die Abwehr dient der Bewältigung unbewusster innerer Konflikte und ist nur eine von vielen Aufgaben des Ich. Die hauptsächliche Funktion dessen, was in der psychodynamischen Theorie als „Ich“ bezeichnet wird, besteht darin, die Anforderungen des Alltags zu bewältigen. Was das Ich überwiegend leistet, setzt sich aus einer Fülle von Routinen zusammen, die jeder von uns jeden Tag – ohne darüber bewusst nachdenken zu müssen – auf die durchschnittlichen Situationen in seinem Tagesablauf anwendet. Die alltäglichen Routineleistungen des Ich betreffen unter anderem die Wahrnehmung und das Beziehungsverhalten sowie die nonverbale und verbale Kommunikation. Besondere Beanspruchungen, zum Beispiel neuartige Lebenslagen und ungewohnte Begegnungen mit fremden Menschen oder auch konflikthafte Situationen, stellen erhöhte Anforderungen an das Ich. Das Ich ist dann beispielsweise gefordert, Zusammenhänge zu erkennen und Realität zu prüfen sowie die Reaktion anderer und die Konsequenzen auf das eigene Verhalten vorauszusehen. Impulse und Affekte müssen unter Kontrolle gehalten und das Selbstwertgefühl reguliert werden. Das Ich muss Zwecke und Ziele erkennen, Urteile fällen und autonom verantwortliche Entscheidungen treffen können. Es zwingt uns sogar zu Tätigkeiten, zu denen wir keine Lust haben.

Die adaptative Qualität unserer Ich-Funktionen hängt folglich davon ab, wie gut wir mit bestimmten Fähigkeiten ausgestattet sind. Diese Fähigkeiten, die wir im Laufe unserer Enkulturation und Sozialisation erworben haben und idealerweise immer weiter erwerben, beziehen sich vor allem auf die Selbststeuerung und die Interaktion. Wie gut und vollständig jeder von uns diese Fähigkeiten aneignen konnte, hing hauptsächlich von dem sozialen Umfeld ab, in dem wir aufwuchsen. Wenn unsere Eltern selbst über eine hohe Qualität von Selbststeuerungs- und Interaktionsfähigkeiten verfügten und als Vorbilder meist für uns präsent waren, hatten wir gute Chancen, diese Fähigkeiten durch Mimesis vollständig zu entwickeln. Hatten unsere Eltern in Bezug auf diese Fähigkeiten erhebliche Defizite oder standen sie uns nur unzureichend als Modell zur Verfügung, dann waren die Bedingungen für unser Imitationslernen entsprechend eingeschränkt.

Die von Gerd Rudolf konzipierte Struktur-Achse der OPD-2 macht deutlich, was im Alltag unter Ich und Ich-Funktionen verstanden werden kann. Das Strukturniveau kann in den folgenden vier Hauptdimensionen beschrieben werden. Danach sind die wichtigsten Kriterien aufgeführt, nach denen das Niveau der vier Strukturdimensionen als gut integriert, mäßig integriert und gering integriert eingeordnet werden kann. Ich habe versucht, die teilweise etwas sperrigen Formulierungen der OPD-2 an die Notwendigkeit einer alltagstauglichen Routinediagnostik in der ambulanten Psychotherapie-Praxis anzupassen.

       Wahrnehmung
Unterscheiden



    Bindung                                               Selbststeuerung
    innere Bilder                                        Beziehung schützen



                                 Emotionale
                               Kommunikation



Die Ich-Funktionen im einzelnen:


Beschreibung der einzelnen Selbststeuerungs- und Interaktionsfähigkeiten (Ich-Funktionen)

Einschätzung ihrer Qualität

A. Selbstwahrnehmung und Selbststeuerung
gut
mäßig
gering
1
Nach innen schauen, eigene Bedürfnisse und Gefühle wahrnehmen
Fähigkeit und Interesse, seine Aufmerksamkeit nach innen zu richten, seine eigenen Bedürfnisse, Gefühle (positive wie negative), Gedanken und Fantasien wahrzunehmen, zu spüren, was der eigene Körper braucht (zum Beispiel Schonung, Ruhe, Bewegung oder Zärtlichkeit) und was ihm schadet (zum Beispiel Stress, Fehlernährung, Konsum von Suchtmitteln)



2
Für sich selbst sorgen
Fähigkeit, für sich selbst zu sorgen und sich selbst zu schützen, so wie man auch für einen anderen, zum Beispiel ein Kind, das man liebt, sorgen würde und das man schützen würde



3
Selbstkontrolle
Einsicht und Fähigkeit, wichtige Dinge auch dann zu tun, wenn man keine Lust hat, und sich zu kontrollieren, wenn man zum Beispiel ein starkes Verlangen nach Alkohol, Zigaretten, Drogen, Sex, Spielen, Einkaufen und so weiter hat oder wenn man am liebsten vor Wut etwas beschädigen oder einen anderen oder sich selbst verletzen würde



4
Klares Bild von sich selbst
Ein klares Bild von sich selbst, der eigenen Identität, den eigenen Fähigkeigten, Zielen, Aufgaben und Rollen im Leben besitzen



5
Abschirmung gegen eigene negative Emotionen
Fähigkeit, bei Bedarf einen inneren Schutzwall gegen negative Emotionen (zum Beispiel Angst, Wut, Verzweiflung, Scham, Traurigkeit, Wertlosigkeit) zu errichten und seine Aufmerksamkeit auf Dinge zu konzentrieren, die mit positiven Emotionen verbunden sind und geeignet sind, das innere Gleichgewicht wieder herzustellen.



6
Sich selbst annehmen und wertschätzen, Selbstvertrauen
Fähigkeit, sich selbst, so wie man ist, grundsätzlich zu akzeptieren und zu mögen, auch dann, wenn man Fehler gemacht oder Rückschläge erlitten hat. Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und Qualitäten.




B. Realistische Wahrnehmung anderer



7
Bedürfnisse und Gefühle anderer wahrnehmen
Fähigkeit und Interesse, die Bedürfnisse und Gefühle anderer Menschen wahrzunehmen, sich in andere Menschen einzufühlen und die Reaktionen anderer Menschen vorauszusehen



8
Andere ganzheitlich wahrnehmen
Fähigkeit zu erkennen, dass andere Menschen in der Regel sowohl gute, zu den eigenen Bedürfnissen und Erwartungen passende Seiten als auch schlechte, den eigenen Bedürfnissen und Erwartungen entgegenstehende Seiten haben (dass man nicht einseitig nur die eine oder andere Seite sieht)



9
Zwischen Eigenem und Fremdem unterscheiden
Fähigkeit zu erkennen und zu akzeptieren, dass andere Menschen Wünsche, Gefühle und Meinungen haben, die sich von den eigenen unterscheiden





C. Bindungen



10
Beziehungen eingehen
Fähigkeit, die emotionale Wichtigkeit anderer Menschen zu empfinden, mit positiven Erwartungen mit anderen in Kontakt zu treten und anderen entsprechend positive Gefühle zu zeigen



11
Wertschätzung, Zuneigung und Hilfe annehmen
Bedürfnis und Fähigkeit, den positiven Gefühlen und Hilfsangeboten, die andere einem entgegenbringen, zu vertrauen und sie anzunehmen



12
Sich selbst gegen Ausbeutung und Missbrauch schützen
Fähigkeit, (zum Beispiel narzisstisch, sexuell oder finanziell) missbräuchliche Beziehungsangebote zu erkennen und sich vor Beziehungen dieser Art zu schützen



13
Gute innere Bilder entwickeln
Fähigkeit, aus den positiven Erfahrungen mit bestimmten Menschen ein stabiles und positives inneres Bild dieser Menschen zu entwerfen, das auch in Abwesenheit dieser Menschen eine hilfreiche, zum Beispiel beruhigende und ermutigende Wirkung entfaltet



14
Dauerhafte Bindungen eingehen und aufrechterhalten
Bedürfnis und Fähigkeit, mit anderen Menschen dauerhafte Bindungen einzugehen, sich gegenseitig zu unterstützen und Gefühle von Fürsorge, Verantwortung und Dankbarkeit zu empfinden



15
Beziehungen schützen
Bereitschaft und Fähigkeit, auf die Bedürfnisse und Interessen anderer Menschen Rücksicht zu nehmen, Regeln zu beachten, Gefühle von Gerechtigkeit und Schuld zu empfinden 



16
Konflikte durchstehen und Ausgleich suchen
Fähigkeit, wenn nötig auch Konflikte und negative oder ambivalente Gefühle durchzustehen, verbunden mit der Bereitschaft, immer wieder Kompromisse und einen Ausgleich mit anderen zu suchen und zu finden sowie anderen ihre Verfehlungen zu vergeben



17
Beziehungen zu mehreren Menschen und in Gruppen (variable Bindung)
Bedürfnis und Fähigkeit, intensive Beziehung nicht nur mit einem einzigen Menschen, sondern mit mehreren oder vielen Menschen und auch in Gemeinschaften einzugehen und mit verschiedenen Menschen unterschiedliche Interessen und Befriedigungsmöglichkeiten zu teilen



18
Selbstständig sein, Bindung lösen
Fähigkeit, phasenweise auch alleine sein zu können, seinen eigenen Weg zu gehen und Beziehungen zu beenden, wenn sie einem schaden oder die eigene Weiterentwicklung behindern



19
Angemessen trauern
Fähigkeit, nach Trennungen und Verlust von wichtigen Menschen angemessen zu trauern, seine Trauer mit anderen zu teilen, neue Lebensperspektiven zu entwickeln und sich auf neue Beziehungen einzulassen
                             




D. Kommunikation



20
Emotionale Kommunikation
Fähigkeit, für die eigenen Emotionen und Impulse Worte oder eine andere, zum Beispiel künstlerische Ausdrucksmöglichkeit zu finden, statt sie auszuagieren



21
Nutzung und Kanalisierung der eigenen Aggression
Fähigkeit, das eigene aggressive Potenzial sozial verträglich zu nutzen, um sich gegen unangemessene Forderungen oder Zumutungen anderer zur Wehr zu setzen, den eigenen Interessen Gehör zu verschaffen und sie durchzusetzen



22
Grundrespekt trotz negativer Affekte
Fähigkeit und Bereitschaft, negative Emotionen (zum Beispiel Enttäuschung, Ärger, Wut, Verachtung) so auszudrücken, dass immer ein Grundrespekt erkennbar ist und andere nicht verletzt werden





Gesamtmaß für das Ich-Funktionen-Niveau beziehungsweise Strukturniveau






Zusammenfassung:

·         Aus psychodynamischer Sicht ist „das Selbst“ die innere Repräsentanz, das Modell oder das Bild, das ein Mensch von sich selbst hat.
·         Ein „gesundes“ Selbst zeichnet sich durch das subjektive Erleben aus, eine Ganzheit, ein autonomes, beständiges und kohärentes Zentrum von Vitalität und Initiative und der Mittelpunkt des unmittelbaren Empfangens von Eindrücken zu sein.
·         Das Ich ist hingegen als die Summe aller dem Menschen vorbehaltenen mentalen Funktionen zu verstehen, die seine möglichst gute Adaptation an seine soziale Umgebung gewährleisten und die Kohärenz seines Selbst sicherstellen.
·         Die Abwehr ist nur eine von vielen Aufgaben des Ich.
·         Die hauptsächliche Funktion des Ich besteht darin, die Anforderungen des Alltags zu bewältigen.
·         Die adaptative Qualität der Ich-Funktionen eines Menschen hängt davon ab, wie gut die Eltern über Selbststeuerungs- und Interaktionsfähigkeiten verfügten und als Vorbilder präsent waren.
·         Das Strukturniveau ist ein Maß für die Qualität der Ich-Funktionen.


Praktische Konsequenzen:

Das Strukturniveau gibt uns eindeutige diagnostische Kriterien an die Hand, die eine zuverlässige Einschätzung der Qualität der Ich-Funktionen, sprich der Selbststeuerungs- und Interaktionsfähigkeiten unserer Patienten, ermöglicht. Die Kriterien sind – wenigstens vom Anspruch her -  „interraterreliabel“, das heißt, unterschiedliche Untersucher (rater) sollten mit ausreichender Wahrscheinlichkeit zu ähnlichen Einschätzungen gelangen. Wir können uns somit besser als früher über das, was wir unter Ich-Funktionen verstehen, mit anderen Fachleuten verständigen. Die Bestimmung des Strukturniveaus hat vor allem klare therapeutische Konsequenzen. Da wir die strukturellen Fähigkeiten und Defizite unserer Patienten realistischer einschätzen sowie die biografischen Ursachen für die Defizite besser verstehen können, werden wir nachsichtiger, geduldiger und mitfühlender, ohne dass diese annehmende Haltung übermäßig anstrengend sein muss. 

Die Bestimmung des Strukturniveaus mag auf den ersten Blick als distanzierte, formalisierte Klassifizierung von Patienten erscheinen. In der Praxis trifft das Gegenteil zu: Wir können das Strukturniveau nämlich nur dann sinnvoll bestimmen, wenn wir zuvor mit unseren Patienten über mehrere Stunden in einen intensiven persönlichen Kontakt getreten sind. Unser therapeutischer Ehrgeiz verstellt nicht mehr so sehr unseren Blick auf die möglicherweise begrenzten Einsichts-, Bewältigungs- und Veränderungsfähigkeiten unserer Patienten. Zugleich schärft die Strukturniveau-Diagnostik den Blick für die Ressoucen des Patienten und die Ressourcen seines sozialen Umfelds. Das Bewusstmachen sowie die Nutzung und Aktivierung dieser Ressourcen machen einen großen Teil unserer therapeutischen Bemühungen aus. Damit tragen wir der Erkenntnis der Psychotherapieforschung Rechnung, dass die Qualität der Therapiebeziehung sowie die Ermutigung und Nutzung von Ressourcen zu den stärksten Wirfaktoren in der Psychotherapie gehören. Die For­schung legt uns nahe, unsere Hauptaufmerksamkeit den Selbstheilungskräf­ten der Patienten und den sozialen Sys­temen, in denen sie leben, zuzuwenden.[8]

Strukturelle Defizite haben biografische Ursachen. Kein Mensch hat sich die Defizite seiner Ich-Funktionen ausgesucht. Die Selbststeuerungs- und Interaktionsfähigkeiten entwickeln sich durch implizites Imitationslernen. Niemand konnte sich als Kind willentlich verweigern, sie zu erwerben. Unsere strukturellen Defizite haben wir folglich nicht schuldhaft erworben. Sie sind vielmehr unseren Patienten, Verwandten und Freunden, sie sind uns selbst schicksalhaft zugestoßen, weil die Lernbedingungen, die wir als Kinder vorfanden, in der einen oder anderen Hinsicht vielleicht nicht optimal waren.

Wenn immer möglich, können wir die strukturellen Ressourcen und Defizite unserer Patienten in der Therapie zum Thema (Strukturfokus) machen. Es ist auch gut, wenn wir uns unserer eigenen strukturellen Stärken und Schwachstellen bewusst sind. Eine der wichtigsten Botschaften an unsere Patienten ist: Keiner ist schuld an seinem struktuellen Unvermögen, aber jeder von uns ist für seine Defizite verantwortlich. Mit der Berücksichtigung des Strukturniveaus können wir uns eine Menge Aufregung, Ärger und Enttäuschung in unserer Gegenübertragung sprichwörtlich „schenken“. Unsere negativen Affekte mildern sich ab, sobald uns bewusst wird, dass andere – ebenso wie wir selbst – in ihrer strukturellen Beschaffenheit gefangen sind und in der Regel nicht irgendwelche Dinge mit der Absicht tun, um uns zu schaden oder unsere Bedürfnisse zu missachten. Auf diese Weise können wir selbst bei sehr schwierigen und anstrengenden Patienten eine wohlwollende und emotional unterstützende Beziehung aufrecht erhalten.


Diagnostische Zielsetzung des Strukturniveaus
·            Erkennen wichtiger Ressourcen des Patienten
·            Erkennen einer Überforderung der Selbststeuerungs- und Interaktionsfähigkeiten des Patienten durch aktuelle Anforderungen, Belastungen, Veränderungen und Entwicklungsaufgaben
·            Unterscheidung von Symptombildung durch Überforderung und Symptombildung durch einen aktuellen unbewussten inneren Konflikt
·            Einschätzung der Suizidalität

Behandlungstechnische Zielsetzung mit Hilfe des Strukturniveaus
·            Beherrschung einer negativen Gegenübertragung durch Erkennen des strukturellen Unvermögens und der Unabsichtlichkeit der problematischen Verhaltensweisen oder Kommunikationsformen des Patienten
·            Mehr Bescheidenheit und Geduld des Therapeuten hinsichtlich der Veränderungsfähigkeit des Patienten und der Therapieziele
·            Weniger Druck auf Therapeut und Patient
·            Befähigung des Therapeuten, auch mit schwierigen Patienten über längere Zeiträume hinweg eine wohlwollende, wertschätzende, Halt und Modell gebende Therapiebeziehung aufrecht zu erhalten
·            Bewusstmachen und maximale Aktivierung und Nutzung der persönlichen und sozialen Ressourcen des Patienten
·            Bewusstmachen der für die aktuellen Schwierigkeiten und Symptome des Patienten relevanten Defizite
·            Verstehen der Defizite aus den biografischen Entwicklungsbedingungen (zum Beispiel fehlendes Modell der Eltern) und damit Entlastung der Schuld- und Versagensgefühle des Patienten
·            zunehmende Verantwortungsübernahme des Patienten für seine Defizite
·            Festlegung von einigen wenigen Strukurfoki und die systematische Arbeit an denselben
·            Modellhaftes Vormachen von Selbststeuerungs- und Interaktionsfähigkeiten durch den Therapeuten anstelle von zuviel Erklären




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